Eberhard Schnelle

Aus Barmstedt-Geschichte
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Eberhard Schnelle (* 18 Juli 1921 in Danzig; † 5 Oktober 1997 in Barmstedt) war Organisationsberater und Entwickler der Methode zur Moderation von Gruppen.

Leben

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    "bewirkte in den 60er Jahren durch Organisations- und Kommunikationsberatung eine Demokratisierungsbewegung in Industrie und Verwaltungen. Für die Entwicklung der Kommunikationskultur in den Institutionen des Nachkriegsdeutschland war sein Beitrag von ausserordentlicher Bedeutung. Schon Ende der 60er Jahre befasste er sich mit der besonderen Problematik von Entscheidungsprozessen, der Verarbeitung von Komplexität und dem Umgang mit Konflikten. Er gab wesentliche Impulse für die Entwicklung von Unternehmenskulturen, Organisationskonzepten und partizipativen Modellen der Mitarbeiterführung. Von ganz besonderer Bedeutung war die Entwicklung der Moderationsmethode und die Konturierung der Rolle des Moderators. In der Berater-Szene wurden die Moderations-Methode und das Rollenverständnis als neutraler Prozessgestalter zu ausserordentlich wertvollen Teilkonzepten dieser Profession, die inzwischen so selbstverständlich sind, dass man kaum noch nach ihrer Herkunft fragt. Eberhard Schnelle war der kreativste Unternehmensberater in Europa, der sich auch mit der Theatralisierung von organisatorischen Konflikten als Ansatz beschäftigte und Reflexionen insbesondere über den Missbrauch von Macht einforderte. Er war ein unermüdlicher Frager und Erfinder von Kulturtechniken. Seine Leidenschaft waren die Kommunikations-Architektur, die alten Griechen (demokratische Entwicklung) und das Theater. Bereits Ende der 70er Jahre nutze er in Prozessen des Wandels die Mittel des Theaters, um Fragen der Unternehmenskultur zu thematisieren und zu analysieren."

(Prof. Dr. Joachim Freimuth, 1997, Planer bei Metaplan -> Metaplan Projekt-Forum -> Quickborner Projekt-Forum)


  • "war immer am Anfang von etwas Neuem. Er selbst war ein Anfang und war ein Anfänger in dem Sinne, dass er unermüdlich Anfänge schuf und zu Anfängen ermunterte. Wesentlich ist es seine Kraft gewesen, die einen Weg hat entstehen lassen von der Velox-Büromöbel-Produktion über Büromöbel zu den Bürolandschaften des Quickborner Team (1962) zur Beratungsgesellschaft für Planung und Organisation, zur Planung der Planung und zum Entscheidertraining und zur Werkstatt des Wandels als Metaplan. Als Metaplan dann in aller Munde war als Synonym für bewegliche Wände, für visualisiertes Denken, für mobile Sitzordnungen, für moderiertes Arbeiten im Team und den Informationsmarkt, stellte er wieder einen neuen Begriff in den Vordergrund der Arbeit: Projekt-Forum. Klein schwebte weiterhin die berühmte Metaplan-Wolke über dem neuen Wort. Diese Wolke aus einem oberen und einen unteren Dreifachbogen mit dem roten Trainermarker gezogen gehört seit langem zum Zeichenrepertoire von Beratern, Moderatoren und Trainern. Sie steht jeweils für Inspiration, für Wandel, für das Andere, das Neue, das Besondere, den Anfang. Den Wenigsten mag bewusst sein, dass in dieser Wolke der Geist von Eberhard Schnelle lebt."

(Florian Fischer, 2001, Planer im Quickborner Team 1967-70)

1921 * 18.07.1921 in Danzig

Realgymnasium ab 1930 bis zur Sekundarreife. Ausbildung zum Buchdrucker und Buchbinder im väterlichen Betrieb, der am 18.11.1919 im Handelsregister Danzig eingetragen wurde als: “Herbert Schnelle Annoncen-Expedition“ Annahme von Annoncen und Druck von Briefpapier und Werbedrucksachen mit Ausführung von Entwurf und Drucklegung. 1923 Eintragung Markenzeichen “Velox“ für einen besseren Marktauftritt in Polen. (“Velox“ ist die lateinisierte Form des Familiennamens Schnelle)

1945 Remonte-Soldat Eberhard Schnelle desertierte im April von der holländischen Westfront zu Fuß über die Felder, wobei er sich nur nachts in Richtung Lüneburg bewegte. Versteckt arbeitete er einige Monate als Knecht in der Nordheide auf dem Kösterhof bei Putensen.
Über einen Geschäftsfreund seines Vaters erfuhr er auf Umwegen, dass sich seine Mutter Friedchen und sein jüngster Bruder Wolfgang in Berlin aufhielten. Er erreichte Berlin zu Fuß und flüchtete mit den beiden versteckt im Güterzug nach Hamburg, während die Russen von Osten her weiter vorrückten. Vater Herbert Schnelle wagte nach dem Zusammenbruch einen Neuanfang als Vertreter einer der großen Schreibmaschinen-Geschäfte Deutschlands in Berlin. Die Rückholung von vor dem Krieg verliehenen Schreib- und Buchungsmaschinen war eine erste erfolgreiche Aufgabe. In einem zweiten Schritt holte Eberhard Schnelle seinen Vater aus Berlin, der aufgrund seiner langen und erfolgreichen Geschäftsbeziehungen nach Polen schon früh aus russischer Gefangenschaft entlassen wurde, auf abenteuerlichen Wegen durch die Sowjetische Zone nach Hamburg. Neuanfang in Hamburg ab November 1945. Ein Schreibtisch im Büro des ehemaligen Geschäftsfreundes Alwin Gärtner, Große Bleichen, im Zentrum von Hamburg. Druck von Formularen für die Durchschreibe-Buchhaltung. Ein erfolgreicher Anfang wurde auch durch den Erhalt von Zahlungen unterstützt, die in den letzten

Kriegsmonaten nicht mehr an “Velox“ in Danzig überwiesen werden konnten.

1946 Am 20.3.46 Eintrag in das Handelsregister Hamburg: Velox-Metall- und Papierverarbeitungswerk Herbert Schnelle GmbH (Auftritt erfolgte unter Velox Werk Herbert Schnelle) Anmietung von Räumlichkeiten in Barmstedt aufgrund der großen Zerstörung Hamburgs. Beginn mit der Fertigung von Schulheften und ab 1947 auch Schnellhefter. Ab 1948 sind die Söhne Eberhard und Klaus Schnelle Mitgesellschafter, ab 1953 auch Wolfgang Schnelle. Die Produktion von Büromaterialien und Formularen, verchromten Metall-Hängeregistraturen, Schrank- und Regalsystemen (Super-Theken), Gestühl, Schreibtischen, Schallschutzdecken, Raumteilern etc. war sehr erfolgreich. Eberhard Schnelle stellte bisherige Büroeinrichtungen generell in Frage und entwickelte neue, moderne Büroausstattungen. Er beschäftigte sich intensiv mit den Abläufen von Kommunikation in Organisationen. Sukzessive Vergrößerung des Betriebsareals und Realisierung einer beispiellosen >Bürolandschaft< bei Velox. Eine großzügige Kantine mit Bühne wurde auch für Betriebsfeste und Veranstaltungen der Tennisgemeinschaft Barmstedt genutzt. (1. Vorsitzender war Klaus Schnelle) Zu den vorhandenen Räumlichkeiten von über 3.000 qm kam in den 1960er Jahren ein weiterer Fertigungskomplex von über 11.000 qm hinzu. 1970 folgten eine Traglufthalle von gut 3.000 qm für weitere Lagerkapazitäten sowie ein Gebäude von 1000 qm für die Abteilungen Entwicklung und EDV. Bei der Auflösung der Velox-Gruppe durch Konkurs im Jahr 1974 waren über 450 Mitarbeiter bei “Velox“ beschäftigt.
1947 Eberhard Schnelle lernte die bildende Künstlerin Telse Cölln in Pinneberg kennen. Sie wurde von dem neben Emil Nolde namhaften norddeutschen Maler Friedrich Karl Gotsch (FKG) im Bauhaus Hamburg ausgebildet. Sie war Enkelin von Detlef Cölln (1876 -1961), dem Mitbegründer der Hebbel-Gesellschaft e.V. (Ihr Vater Friedrich Cölln unterrichtete in Wesselburen, an der Barmstedter Mittelschule und in Pinneberg und fiel im Krieg.) Heirat 1950, Kinder: Rainer (*1951, Während eines mehrjährigen USA-Aufenthaltes in Boston studierte er Jazz (Piano und Arrangement) am Berklee College of Music und am New England Conservatory. Katrin (*1954, Dipl.- Betriebswirtin)
1956 Gründung Velox Organisation Hermann Dunst GmbH Hamburg 13, Hochallee 66. Das Hamburger Vertriebsbüro ermöglichte einen professionellen Marktauftritt für die neuen Ideen einer neuzeitlichen Ausstattung von Büros und die damit verbundenen veränderten Anspruch an die Architektur.
1959 Eberhard und Wolfgang Schnelle verlassen das Velox-Werk in Barmstedt und gründen die KG Organisationsteam Eberhard und Wolfgang Schnelle GmbH & Co. in Hamburg 13, Hochallee 66. 1961 erfolgte die Verlagerung nach Quickborn auf ein eigenes parkartiges Areal (12.000 qm) in der Goethestraße. Vorhandene Reihenhäuser wurden sukzessive zu einem modernen Komplex mit Büros und Arbeitsräumlichkeiten umgebaut. Dabei wurde eine neue Architektur mit eigenen Raumideen realisiert und eine bis dahin beispiellose Arbeitsumgebung gestaltet. Der Vertrieb von neuzeitlichen Büroausstattungen endete mit der Entwicklung und Planung der Organisation von Bürohäusern. Hermann Dunst wird Mitglied des Teams.
1962 Die KG Organisationsteam E + W Schnelle firmierte um in Quickborner Team Gesellschaft für Planung und Organisation mbH, Quickborn, Goethestraße 20. Die Organisation von Bürohäusern bedingte erstmals die Entwicklung der Gebäude von innen nach aussen. Im Hause wurde die >Bürolandschaft< entwickelt, die auch in den USA Interesse auslöste. Im Gegensatz zu den in den USA bereits vorhandenen Großraumbüros mit möglichst vielen Arbeitszellen, war die >Bürolandschaft< organisatorisch und architektonisch durchgeplant. Die Bürolandschaft bietet ein soziales Arbeitsklima und fördert die Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter. Alle Firmenmitglieder des Quickborner Teams waren auch Gesellschafter. So mussten die Gebrüder Schnelle 1972 das eigene Unternehmen verlassen - das Modell der Gleichberechtigung scheiterte an den unterschiedlichen Auffassungen der Gesellschafter. Das Quickborner Team agierte aufgrund von Mietverträgen noch einige Jahre in den Quickborner Räumlichkeiten und etablierte sich bis heute erfolgreich in Hamburg.
1972 Gründung Metaplan Gesellschaft für Planung und Organisation mbH Quickborn, Goethestraße 20. Gesellschafter: Eberhard und Wolfgang Schnelle, Hermann Dunst (bis 1984). Katrin Schnelle (ab 1995) Thomas Schnelle (ab 1995) Die Erfindung und Vermittlung der Metaplan-Moderationsmethode war ein wichtiger Grundstein für die weitere Entwicklung der Beratungsarbeit in den unterschiedlichsten Anforderungsfeldern. Problemlösungs-Workshops mit Unterstützung der Metaplan-Methode wurden in ganz Deutschland und auch im europäischen Ausland durchgeführt. Seit Ende der 1970er Jahre leistete die ausgereifte Moderationsmethode einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung von Führungs- und damit auch zur Unternehmenskultur und gilt seitdem als unverzichtbares Arbeitsmittel in vielen Unternehmen und Organisationen.
1993 Ankauf der Firma Nitor GmbH in Rellingen. Nitor wurde 1972 als Hersteller von Equipment für Moderation nach einer Idee und mit der Unterstützung von Eberhard Schnelle von dem befreundeten Architekten Günther Niggemann gegründet. Nach seinem frühen Tode führte seine Frau Ilse Niggemann das Unternehmen sehr erfolgreich weiter bis zur Veräusserung an Eberhard Schnelle.
Fertigstellung eines neuen Gebäudekomplexes in Quickborn Das Gebäude und die von Ernst-Dietmar Hess entworfenen Gartenanlagen gewinnen 1993 im Wettbewerb "Arbeiten im Grünen" den 1. Preis der IHK Schleswig Holstein. Bereits 1987 hatte die Zeitschrift "Capital" das Tagungszentrum von Metaplan als eines der besten Tagungsstätten Europas beschrieben: „...aktive Gruppenarbeit geht nirgendwo besser als bei Metaplan in Quickborn“. Große Räume und ein weitläufiger Park bieten beste Bedingungen für Strategieklausuren und Diskussionsprozesse.
1994 Gründung (Spin-off, Ausgründung) Quickborner Projekt-Forum Gesellschaft für Unternehmensentwicklung mbH, Quickborn, Goethestraße 20. Auftritt bis Ende 1998 unter eigener Lizenz als Metaplan Projektforum Ges. für Unternehmensentwicklung. Die Metaplan GmbH gliedert sich in zwei Gesellschaften. Das von Eberhard Schnelle (bis 1997) und Tochter Katrin Schnelle geführte Quickborner Projektforum konzentriert sich auf die Beratungsarbeit für Projektmanagement und Problemlösungs-Prozesse und setzt dort an, wo Beteiligung erforderlich ist. Es werden Konzepte der Unternehmensentwicklung für Produktions- und Dienstleistungsbereiche erarbeitet, mit den Projektbeteiligten werden konkrete Maßnahmen für die Umsetzung realisiert. Ausserdem werden Veranstaltungen wie z.B. Konzerntagungen, Großveranstaltungen und Informationsmärkte geplant und organisiert. Bereits seit 1980 werden in Prozessen des Wandels die Mittel des Theaters genutzt, um Fragen der Unternehmenskultur zu thematisieren und zu analysieren. Unternehmenstheater macht den Veränderungsbedarf auf der Kulturebene fassbar und unterstützt so die Umsetzung der erarbeiteten Ziele. Die drei Clowns-Puppen (Rot-, Schwarz- und Weißclown) spielen bei der Verdeutlichung und Auflösung von Kommunikationsproblemen in Organisationen eine wichtige Rolle. Weitere Beratungsfelder sind die strategische Gebäudeplanung und die Gestaltung von Moderationsforen.
1997 Eberhard Schnelle stirbt überraschend am 05.10.1997 in Barmstedt
1998 Quickborner Projekt-Forum Gesellschaft für Unternehmensentwicklung mbH, Barmstedt, Küsterkamp 22. Veräusserung der hälftigen Anteile an der Metaplan GmbH und der Grundstücksgesellschaft Schnelle an den Cousin Thomas Schnelle, der die Gesellschaft unter Metaplan Thomas Schnelle GmbH weiterführt. Das Quickborner Projekt-Forum arbeitet unter Katrin und Dirk Schnelle erstmalig als Netzwerk-Organisation und verlagert ab März 1998 seinen Sitz nach Barmstedt. 2010 Freiberufliche Mitarbeiter mit den unterschiedlichsten fachlichen Qualifikationen werden projektbezogen vernetzt. Die Berater sind zugleich versierte Moderatoren und verwenden das Know-how der Moderations-Methode.
2010 Schnelle Consult Organisationsberatung. Nach Auflösung der Gesellschaft per September 2010 arbeitet Dipl.- Betriebswirtin Katrin Schnelle punktuell als Coach und Beraterin für Organisationsentwicklung. Die langjährige Zusammenarbeit mit dem Institut für Architekturpsychologie (IAP), Helmstedt, wird fortgeführt.

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Fotos

Quellen

  • Dirk Schnelle, 1997, 2017

Weblinks

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